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Zwischen Kraft und Verletzlichkeit


Von Jürgen Kisters

EHRENFELD – Der weibliche Körper ist seit Jahrzehnten das zentrale künstlerische Thema von Winfried Kirches. Und der in Köln und im bergischen Brombach lebende Bildhauer wird nicht müde, immer wieder neue Varianten seiner skulpturalen Körper-Forschungen in seinem eigenen Ausstellungsraum „Ba“ am Ehrenfelder Neptunplatz vorzustellen. Auch in seiner aktuellen Ausstellung sind es wieder größtenteils „kopflose“, in Ton geformte, an der klassischen Torso-Darstellung orientierte Frauen-Plastiken, dieses mal allerdings mit einer eindrucksvollen Ausarbeitung von Armen und Händen.
Wie bisher hat Kirches sie wieder ganz im Stile der alten Bildhauerschule - mit einem Modell gegenüber - geschaffen. Und sein Modell Christine, eine Sportstudentin, nennt er dabei „äußerst inspirierend“, so dass er selber nicht mehr genau sagen könne, „wer die Idee zu einer Skulptur eigentlich bestimme“: das Modell in ihrem Ausdruck oder er, der Künstler, mit seinen formenden Händen. Auf den ersten Blick könnte man in Kirches plastischen Darstellungen eine Reduzierung der Frau auf ihren (erotisierten) Körper erkennen. Doch, so zeigt der zweite Blick, geht es dem Bildhauer vielmehr um die Focussierung auf die Stärke und das Selbstbewusstsein der Frau, die sich in ihrer Körperhaltung ausdrücken.
So will Kirches sichtbar machen, was in seinen Augen wesentlich ist: die Erfahrung der Frau zwischen Kraft und Verletzlichkeit, angespannter Zurückhaltung und Entschlossenheit, Ängstlichkeit und Kampfesbereitschaft (mit ihren zur Faust geballten Händen). Anders als bei früheren Inszenierungen, bei denen er seine Skulpturen häufig auf Holzstämmen präsentierte, hat er sie jetzt auf runden Eisenpodesten platziert. Das sanfte Naturmaterial Ton steht dem nüchternen, maschinell gestanzten Kulturmaterial Eisen gegenüber, das körperlich Weiche der industriellen Härte. „Das ist der Bruch, der nötig ist bei so viel körperlicher Schönheit“, weiß Kirches. Ihm ist bewusst, dass seine immer ernst gemeinten weiblichen Körperdarstellungen eine Gratwanderung sind - in der zeitgenössischen, von formalen Experimenten und Ironisierungen bestimmten figürlichen Skulpturen-Kunst. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen hält es Kirches für nötig, in einfachster, klarster Weise auf die Kraft des (weiblichen) Körpers und der körperlichen Existenz überhaupt zu lenken. Schaut genau hin, so seine „Botschaft“: zunächst auf die Skulpturen und dann auf die im realen Raum agierenden Körper. Neben den vier großen Skulpturen, die im Zentrum der Ausstellung stehen, sind außerdem eine Reihe kleinerer Figuren zu sehen. Für Kirches sind sie plastische Skizzen, in denen er sich allmählich seinem Thema annähert. Denn anders als viele Bildhauer entwickelt er seine Ideen nicht in Zeichnungen, sondern direkt in der Berührung mit dem Material.

Ausstellungsraum Ba, Neptunplatz 7, Di / Do 16-19 Uhr, Sa 11-14 Uhr, bis 27.8.

Kölner Stadt-Anzeiger 4.8.05

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