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Kirches-Ban.de auf der Suche nach neuen Sichtweisen

Auch der Betrachter wird zum Kunstwerk

„Obstallation“ nennt Künstler Kirches-Ban.de sein spezielles Kunstkonzept, zu erleben in der Galerie Ba-Cologne in Köln-Ehrenfeld.


Von Jürgen Kisters

EHRENFELD – Am liebsten würde Kirches-Ban.de seine Ausstellungen fortwährend verändern. Schließlich kommt es ihm schon seit langem vor allem auf den kreativen Prozess an, in dem er seine Skulpturen in immer neuen Aktionen und ständig anderen Zusammenhängen präsentiert. Neue Sichtweisen interessieren ihn, die Kombination von Skulpturen mit Handlungen wie Tanz oder Performances und selbstverständlich die materiale Erscheinung und der Ausdruck der Skulpturen selbst. In einem Kreis stehen neun Frauen-Figuren auf Baum-Sockeln, in dem der jeweilige Betrachter als zehnte Figur die Situation komplettiert. Die Betrachter selbst zu einem Bestandteil der Kunstinszenierung zu machen, über die sie sich zugleich Gedanken machen, ist das wichtigste Anliegen von Kirches. „Obstallation“ nennt er seit über zehn Jahren dieses Konzept, das über die übliche Installations - Raum - Kunst - Idee hinaus will.
Nicht weniger als den Stellenwert des Kunst-Betrachters will Kirches neu definieren. Seine künstlerische Konfrontation bringt dabei das denkbar elementarste Motiv in Stellung: den nackten weiblichen Körper, in Ton geformt und als Torso gestaltet. Dem liegt sowohl die Einsicht zugrunde, dass der weibliche Körper der Anfang allen Lebens ist, als auch die Tatsache, dass alle Erfahrung immer leibvermittelt ist. Der Körper bleibt bis zum Tode der Dreh- und Angelpunkt unserer Existenz. Interessiert Kirches zunächst die erotische Dimension der stets sehr rundförmigen Frauengestalten, bringt er andererseits die starke, sinnliche Frau als Modell eines selbstbewussten Lebens schlechthin in den Blick. „Balusta“ heißt die Serie der aus gebrannter Erde geformten Plastiken, mit der er sich seit einigen Jahren beschäftigt. Die Einsamkeit des individualisierten Menschen der Moderne schlägt sich darin ebenso nieder wie sein nicht still zu legendes Begehren. Es geht um Hindernisse und um die Überwindung von Hindernissen, um die Lust des Menschen und um die Last, die das Leben ihm auferlegt.
So zeigt sich in den Skulpturen der eine Körper in kraftvoller Schönheit, der andere im Zeichen der Verwundung mit Fesselungsnarben auf der Haut. Ein Leib steckt wie eine Mumie in einer konkreten Umschnürung. Einmal ist die Frau eine dunkle Form, dann ist ihr Leib rotbraun, überzogen von der Patina der Erde. Ihre Körper-Gestalt erscheint erstarrt vor Entsetzen, dann wieder steht sie in Sanftheit und Leichtigkeit. Auf geschwärzten und naturbelassenen Baumstämmen stehend zeigen die Plastiken den (weiblichen) Menschen untrennbar an die Natur gebunden. Und immer platziert auf Rundsägeblättern zeigen sie seine unausweichliche Verstrickung in das tückische Gewalt-Potenzial der Kultur. Dieser Zwiespalt bestimmt die Erfahrung des Menschen in unterschiedlichen geschlechtsspezifischen und persönlichen Nuancen von Kindesbeinen an. Die vielfältigen Zwischenformen in der Bewahrung uralter Eigenschaften und eines zukunftsträchtigen Potenzials interessieren Kirches-Ban.de in diesem Zusammenhang.
Körper an Körper stehen die Betrachter mit den Frauen-Figuren, die abwechselnd bedrohlich und beruhigend erscheinen. So ist der Mensch, ein Koloss aus Energie, Zartheit, Gewalt und Angst. Und während man über vergangene und zukünftige Bewegungen dieser Gestalten nachdenkt, spürt man, dass es vor allem die Ruhe ist, aus der sich ihre besondere Kraft ergibt.

Kölner Stadt-Anzeiger 17.8.04

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