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Keine Höhen ohne Tiefen

Ungewöhnlicher Auftritt der Kirches-Bande auf Schloss Klippenstein im Mai


Von Bettina Schneider

Schloss Klippenstein bietet am 13. Mai die malerische Kulisse für ein Kulturereignis der besonderen Art. Der Kölner Künstler Winfried Kirches lässt sich von Gestalt und siebenhundertjähriger Geschichte der Anlage inspirieren und veranstaltet eine Obstallation. Das heißt, er verbindet Aktionen mit Musik und Tanz, Installationen und figürlicher Plastik. „Wir haben uns sofort in die Örtlichkeiten verliebt“, gestehen Winfried und Julitta Kirches, nachdem sie Radeberg im vergangenen Jahr besuchten.
„Die sanierten Teile des Schlosses werden auf diese Art ein zweites, ein künstlerisches Mal eingeweiht“, freut sich auch Schlossherrin Katja Altmann. Die Veranstaltung beginnt im unteren Schlosshof, führt über die Fürstenreittreppe hinein ins Schlossinnere und mündet in einem Fest. Drei Kernstellen wurden für die Inszenierung gewählt. Beginnend in der Walme – dem Schutzraum unterhalb des Renaissance-Portales – bewegt sich der Zug ins Schloss, begleitet von Cembalo-Musik und höfischem Tanz. Die Wege werden sehr unterschiedlich wahrgenommen. Das Feuer spielt mit seiner Kraft eine dominierende Rolle: Als das Element, das wärmt, zerstört und befreit.
„Basis – Bas – Bastion auf Klippenstein“ nennt Winfried Kirches seine einmalige Aufführung. Für ihn ist es ein Ort, der vom Auf und Ab der Geschichte in ganz besonderer Weise geprägt ist; ein Kreislauf von Bindung, Befreiung, Bedrohung.
„Bas – dieses Hinauf- und Hinabgehen ist gerade auf Klippenstein sehr symbolisch“, erklärt Julitta Kirches. „Denn man kann keine Höhen erreichen, ohne durch die Tiefen zu gehen.“ So ist das vorläufige Ende der Aufführung im Kellergewölbe der mittelalterlichen Burg geplant, um gleich darauf in den Ausstellungsräumen zu einen erneuten Höhepunkt zu gelangen – im Tanz um Skulpturen. Denn Winfried Kirches wird für ein viertel Jahr auch seine bildhauerischen Arbeiten – vorwiegend weibliche Skulpturen – den Radebergern vorstellen. „Die Frau ist das Modell in vielen seiner Figuren“, erläutert Ehefrau und Managerin Julitta. Er würde an den Frauen vor allem deren Stärke und Weiblichkeit bewundern.
Kirches Skulpturen zeichnen sich durch einen archaischen, und fast architektonischen Aufbau aus. Sie sind nicht naturalistisch, nicht abstrakt – sie sind einfach nur Menschen.
Winfried Kirches durchlebte mehrere künstlerische Phasen. So gestaltete er eine Zeit lang Kuppelfiguren, Gewölbefrauen an. Drei Jahre lang fertigte er Bogenfiguren, Menschen die sich zu einer Halbkugel auf dem Boden kniend, zusammenrollen. Schutzsuchend, den Kopf in und unter den Armen verborgen. „Die gesamte Asylproblematik hat ihn sehr bewegt. Wir haben Menschen mit ihrer Verzweiflung und ihrer Angst kennengelernt, die gerade noch so dem Krieg entronnen sind, so sind dann auch diese Plastiken entstanden“, erklärt Ehefrau Julitta.
Später öffneten sich die Figuren, zunächst nur vorsichtig auf einer Seite, doch immer noch den Schutzraum – die Balma – bietend. Knieende und Sitzende entstanden als eine Form von Energiebündelung. Noch heute erarbeitet Winfried Kirches konstruktiv jede Plastik, achtet beispielsweise auf Handhaltungen. So formen sich die Hände zu einer Schale, einem Kreislauf, nehmen Elemente des Bewahrens auf.
Die Radeberger Obstallation ist nicht die erste der beiden Kirches, sondern nur eine weitere Station im künstlerischen Schaffen. Sie reiht sich ein in Veranstaltungen in Frankreich, der Tschechischen Republik, Italien, Polen, in Aufführungen in Brombach, Sülztal, Weimar, Krefeld, Köln, Berlin, Overath, Odenthal und immer wieder Köln.
Eine weitere „Erfindung“ macht den Künstler populär – die Erfindung der Kirches-Bande. „Die Bande ist eine Gruppe von Künstlern ganz unterschiedlicher Sparten – Philosophen, Bildhauer, Maler“, erklären die Kirches. Bande kommt von Bindungen, die kann man knüpfen, lockern, loslassen und wieder verbinden. Die Bande ist offen für Projekte und Menschen. „Mit einigen Künstlern arbeiten wir sehr oft zusammen, mit anderen nur einmal oder alle paar Jahre.“
Im letzten Jahr sei so ein wunderbares Projekt mit Afrikanern entstanden. „Wir arbeiten gern an ungewöhnlichen Orten, gehen auf Objekte ein.“ Nach der Gethsemane-Kirche in Berlin, der Laznia-Kazimierz Krakau, der Synagoge Na Palmovce Prag, dem Pont Neuf Paris folgt jetzt Radebergs Schloss Klippenstein.

Zur Person: Winfried Kirches wurde 1949 in Krefeld geboren. Er studierte Kunst, Kunstwissenschaft, Philologie in Düsseldorf, Bonn und Köln. Seit 1974 beschäftigt er sich mit Plastik, Gruppendynamik, Installationen und Videos; übernahm Lehrtätigkeiten. 1989 erfindet er die Obstallation, jenen Prozeß der Bindung von Plastik, Installationen und Aktionen.


Rödertal-Zeitung 1./2.04.2000

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